Die Entwicklung bis heute

Plan der Festung kurz nach 1720Die 2.000 Soldaten des dänischen Königinnen-Leibregimentes, seine Offiziere, die Beamten der Behörden und die staatlichen Aufträge für den Unterhalt der Garnison, der Militärbauten und Festungsanlagen waren die Existenzgrundlage der Einwohner, die ab 1700 vor allem ihren Unterhalt als "Herbergierer", Diener, kleine Handwerker, Höker und Krämer oder als Fähr- und Prahmschiffer verdienten. Impulse für eine weitere Entwicklung gab es nicht. Im Gegenteil: der strategische Wert der Festung war im Laufe des 18. Jahrhunderts fragwürdig geworden.

1813/14 widerstand sie auch nicht mehr einer Belagerung durch die Gegner Napoleons, Dänemark war mit Frankreich verbündet und 1815/1816 wurden die Festungsanlagen geschleift. Von nun an lag nur eine kleine Garnison in der Stadt, die vor allem die Zuchthäuser, die zeitweise mit 600 - 800 Gefangenen belegt waren, zu bewachen hatte. Trotz aller Anfeindungen blieb Glückstadt auch jetzt noch Sitz der Regierungsbehörden. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass unsere Stadt schon 1845 an die ein Jahr früher gebaute Eisenbahnverbindung Altona-Elmshorn-Kiel angeschlossen wurde. Zwar wurden die Behörden 1863 verlegt, die Eisenbahnlinie aber blieb und eröffnete dem Glückstädter Wirtschaftsleben neue Möglichkeiten. 1875 wurde diese Linie nach Norden bis Tondern verlängert und Glückstadt Sitz der Marschenbahn-Direktion. Gewissermaßen als Ausgleich für den verlorenen Regierungssitz bauten die neuen Machthaber in Schleswig-Holstein von 1867 bis 1874 eine Dockschleuse, die die Hälfte des Hafens zu einem tide-unabhängigen Dockhafen machte.

Schon 1670 nahm eine zivile Gesellschaft mit Fangschiffen im Glückstädter Hafen Quartier. In diesem Jahr fuhren die ersten Schiffe von hier aus nach Grönland zum Wal- und Robbenfang. 1818 bestand die Flotte aus 17 Grönlandfahrern. In der ehemaligen Admiralität am Rethövel, dem heutigen Standort der Jugendherberge, wurde von nun an Tran gekocht. 1863 lief der letzte Walfänger von hier zum Fang aus.

Loggerflotte im Glückstädter Binnenhafen 19641893 nahm eine neue, von hiesigen Bürgern gegründete Gesellschaft Besitz von der ehemaligen Admiralität: die Glückstädter Heringsfischerei, die bis 1976 Logger auf Heringsfang in die Nordsee schickte. Der von ihnen im Mai/Juni gefangene jungfräuliche Hering, der Matjes, begründete die heute noch bestehende Glückstädter Matjestradition. Die seit 1968 stattfindenden Glückstädter Matjeswochen beginnen in jedem Jahr am dritten Donnerstag im Juni. Der Wal- und der Heringsfang sind Vergangenheit.

Das 1881 gegründete Eisenbahnausbesserungswerk, das in den 1920er Jahren als Reichsbahnausbesserungswerk erheblich ausgebaut wurde, wurde inzwischen auch stillgelegt. Die 1936 nach Glückstadt in einen Kasernenneubau verlegte Marineeinheit, die nach der Wiederaufrüstung 1956 zurückkehrte, hat die Glückstädter Garnison verlassen. Bestand hat auch heute noch die 1911 hier angesiedelte Papierfabrik und Baumwollbleicherei Temming. Sie besteht heute aus zwei selbständigen Fabriken mit neuen Besitzern bzw. weiteren Teilhabern. Überlebt hat die hier seit der Gründungszeit schon bestehende Fährverbindung über die Elbe nach Niedersachsen.

Die polygonale Radialanlage des Stadtgrundrisses aus der Gründungszeit ist noch heute zu erkennen. Wegen dieses fast einmaligen Grundrisses mit den vier erhaltenen Stadtpalais, dem Turm eines fünften, dem im 18. Jahrhundert wie eine Burg gebauten Zuchthaus auf dem Rethövel, mit der geschlossenen langen Häuserzeile am Hafen, der früheren Mündung des Rhins, und mit einigen ehemaligen Bauten der Festung, wie z. B. dem großen Provianthaus, wurde Glückstadt vor einigen Jahren als Stadtdenkmal anerkannt und mit reichlichen Landes- und Bundesmitteln zu einem Restaurierungs- und Altstadtsanierungsschwerpunkt in Schleswig-Holstein. Noch rechtzeitig vor dem Einbruch der öffentlichen Finanzen konnte die Sanierung weitgehend abgeschlossen werden. Durch diese umfassende Restaurierung ist Glückstadt zu einem Kleinod geworden.

Luftbild von Glückstadt heute